Interview mit Herbert Paulis und Eveline Prochaska

Nächster Halt: Verkehrssimulation

Berlin im Jahre 2020: die Weltausstellung findet statt und hat tausende TouristInnen angelockt. Diese tummeln sich jetzt gemeinsam mit den EinwohnerInnen in der Stadt. Die Straßen sind voll, der Verkehr völlig überlastet. Staus bilden sich an jeder Ecke, die öffentlichen Verkehrsmittel sind schon lange ins Stocken geraten. Busse sind heillos überfüllt, die Intervalle der Bahnen können den anstürmenden Menschenmassen nicht mehr gerecht werden. Also was tun?

Genau das können SpielerInnen an ihrem PC ausprobieren. Denn das Szenario stammt aus dem Verkehrssimulationsspiel "Cities in Motion". Es ist nur eines der vielen Simulationsspiele auf dem Markt, das sich mit Verkehrsplanung beschäftigt. In den meisten geht es darum, im öffentlichen oder auch privaten Bereich ein funktionierendes und gewinnbringendes Verkehrsnetz aufzubauen. Dieses Thema, das die Spielindustrie schon lange für sich entdeckt hat, ist aber auch Inhalt von ernstzunehmender Forschung.

Frau Prochaska, wie wichtig ist gute Verkehrsplanung?

Ein optimal geplantes Verkehrssystem ist einer der Eckpfeiler einer funktionierenden Stadtinfrastruktur. Smart Cities ist das Schlagwort, das in diesem Rahmen schon lange Zeit die Stadtplanung prägt. Zu einer smarten - also einer intelligenten - Stadt gehört auch ein gut durchdachtes Straßennetz. Denn jegliche Behinderung des Verkehrsflusses lässt Kosten entstehen. Langsames oder stockendes Fahren erhöht beispielsweise nicht nur den Kraftstoffverbrauch, sondern auch den Schadstoffausstoß des Fahrzeugs. Laut Inrix Inc., einem führenden internationalen Anbieter von Verkehrsinformationen in Echtzeiten und weiteren Online-Dienstleistungen für VerkehrsteilnehmerInnen, werden die jährlichen Kosten des Verkehrskollaps in Europa und den USA bis zum Jahr 2030 auf 293,1 Milliarden US-Dollar steigen. Diese Erhöhung von nahezu 50 Prozent gegenüber 2013 ist hauptsächlich durch das Wachstum der städtischen Bevölkerung und höhere Lebensstandards bedingt.

Herr Paulis, wo macht Verkehrsplanung Sinn?

Gute und intelligente Verkehrsplanung im Sinne eines Smart City Ansatzes ist ein wichtiger Bestandteil des modernen Infrastrukturmanagements. Nicht nur in großen Ballungsräumen ist sie vonnöten, auch im kleinstädtischen Bereich bedarf es optimal angelegter Verkehrsrouten. Doch solche Planungen zu machen, ist alles andere als einfach. Die derzeit am Markt befindlichen Verkehrsplanungstools reichen für gute Entwicklungen einfach nicht aus. Sie bilden fixe Straßenzüge ab, in der nur wenige Parameter veränderbar sind. Das ist aber zu eingeschränkt, um die Auswirkung verkehrsplanerischer Änderungen in ihrer Gesamtwirkung erkennen zu können. Daher arbeiten wir gerade an einem Projekt, ein umfassendes und dabei einfach zu bedienendes Simulationstool für den klein-urbanen Raum zu entwickeln. Wir wollen ein hochgradig parametrierbares System zur Microsimulation ausarbeiten, um verschiedene Experimente und Untersuchungen für neue und bestehende Verkehrssituationen und -konzepte durchführen zu können. Es soll einfach zu bedienen und frei konfigurierbar sein, um temporäre oder permanente Änderungen der Verkehrssituation in Bezug auf ihre Auswirkungen auf den gesamten Straßenverkehr zu untersuchen.

Frau Prochaska, welche Planungsmöglichkeiten stehen in dem Verkehrssimulationstool zur Verfügung?

Fernab eines einfachen Videospiels wird das durchdachte System viele Features wissenschaftlich vereinen: das Straßenmodell kann die bestehende Verkehrssituation durch detaillierte Modellierung der Faktoren, die den Verkehr bestimmen, extrem realistisch nachbilden. So ist es beispielsweise möglich, die Verkehrsdichte vorzugeben, wobei der Faktor Zufall ebenfalls noch berücksichtigt wird. Auch das Verhalten der FahrerInnen selbst kann simuliert werden, denn jeder Verkehrsteilnehmende ist ein individuelles Objekt mit eigenständigen Verhaltensparametern. Des Weiteren werden Kreuzungen mit klassischen Vorrangsituationen in die Verkehrssituation eingebunden. Ampeln mit eigener Anzeige für Abbiegespuren und Sonderphasen regeln den Verkehrsfluss. Sie folgen einem realistischen Ampelplan, was Untersuchungen über Staubildungen oder grüne Wellen ermöglicht. Bei der grafischen Visualisierung des Modells steht die mathematisch-physikalische Originaltreue der Simulation im Vordergrund. Eine dermaßen genaue Darstellung der einzelnen Verkehrsparameter war in bisher entwickelten Modellen nur theoretisch oder sehr vereinfacht gegeben. Durch diese Möglichkeiten erreichen wir eine extrem realistische und praxisnahe Verkehrsdarstellung. Wir können menschliches Fahrverhalten, die Interaktion verschiedener VerkehrsteilnehmerInnen und deren Einfluss auf den Verkehr darstellen. Auch ist es in der Simulation möglich, die Auswirkungen von Änderungen der Verkehrsregeln wie beispielsweise Tempolimits oder Abbiegeverbote auf den Verkehr zu beobachten.

Herr Paulis, wie wird es mit dem Simulator weitergehen?

Wir haben jetzt einen ersten Prototyp realisiert und von den meisten "Kinderkrankheiten" befreit, in Form eines FH-intern geförderten Forschungsprojektes. Zukünftige Erweiterungen des Verkehrssimulators sind jetzt vor allem durch Studierende geplant, in Form von Wahlfach-Projekten, Bakkalaureat und Masterarbeiten. Alle interessierten Studierenden von technischen Studiengängen sind herzlich eingeladen, sich mit Ihrem Fachwissen bei der Realisierung einzubringen, damit wir gemeinsam ein optimales Werkzeug zur Planung der Zukunft des Straßenverkehrs auf die Beine stellen.

Studiengänge

Computer Science and Digital Communications

Bachelorstudium, berufsbegleitend

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Computer Science and Digital Communications

Bachelorstudium, Vollzeit

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