Christoph Stoik im Wordrap zur Sicherheit im öffentlichen Raum

Zum Thema Sicherheit im öffentlichen Raum nimmt der Lehrende Christoph Stoik im Wordrap Stellung und gewährt spannende Einblicke in Sozialraumanalysen für beispielhafte "Hot Spots" wie die Mariahilfer Straße - überraschende Erkenntnisse und persönliche Erfahrungen inklusive.

© FH Campus Wien

"Hot spots" der letzten Zeit sind ...

Orte wie der Hauptbahnhof, für den Studierende der FH Campus Wien Sozialraumanalysen gemacht haben oder die umgestalte Mariahilfer Straße, für die ich an der FH Campus Wien an einer Sozialraumanalyse beteiligt war. Als beigezogener Experte habe ich mir auch die U-Bahn-Station Josefstädterstraße im Detail angesehen. Dieser Ort wird einerseits von Menschen aus der Drogenszene und andererseits von Wohnungslosen als Treffpunkt genutzt, was AnrainerInnen und andere U-Bahn-NutzerInnen angeblich verunsicherte. Ein aktuelles Beispiel ist das neu eröffnete Drogenzentrum Alsergrund, gegen das sich eine BürgerInneninitative formiert hat. BeimSchwedenplatz kam man letztlich unter anderem zu dem Ergebnis, dass er gar nicht unsicher erlebt wird und die Funktion als Treffpunkt von verschiedenen Gruppen den Platz aufwertet.

Dass der öffentliche Raum in Wien unsicher oder gar gefährlich ist, stimmt ...

so nicht, wenn man sich die empirischen Daten anschaut. Aber der öffentliche Raum macht zunehmende soziale Ungleichheit der Menschen sichtbar. Wenn Menschen BettlerInnen an öffentlichen Orten wahrnehmen, können sie das als verunsichernd erleben. Bei genauerer Betrachtung kann dieses Gefühl aber stellvertretend für ihre eigene Angst vor Armut stehen, die bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Ein Sozialraum in diesem Zusammenhang ist ...

eben nicht nur ein physischer oder geografisch begrenzter Ort, sondern er hat eine soziale Dimension. Es ist ein Ort des Kampfs um Definitionsmacht: Wer darf ihn nutzen? Was ist im Raum erlaubt? Soll er kommerziell genutzt werden? Muss er für alle zugänglich bleiben? So hat die Mariahilfer Straße zum Beispiel je nach NutzerInnengruppe und Zeit unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen. Für die einen ist sie der Ort zum Einkaufen und Konsumieren, für die anderen der Ort zum Flanieren oder Präsentieren, für die Wohnbevölkerung ist sie der unmittelbare Nahraum, für VerkehrsteilnehmerInnen ist sie ein Transitraum und Verkehrsort. Sie kann aber auch ein anonymer Ort sein, an dem sich manche der sozialen Kontrolle entziehen. Und sie ist auch ein Raum, in dem in Armut lebende Menschen ihr Überleben sichern wollen, indem sie betteln.

Eine Sozialraumanalyse zum Thema Sicherheit im öffentlichen Raum fängt damit an, dass ...

unterschieden wird, welche NutzerInnen und welche potenziellen NutzerInnen es gibt. Denn je nach Perspektive stellt sich der öffentliche Raum anders dar. Bei Sozialraumanalysen wird mit quantitativen Daten ebenso gearbeitet wie mit qualitativen Daten. Bei den qualitativen Methoden stehen die subjektiven und lebensweltlichen Sichtweisen der Menschen im Vordergrund. Zur Auswahl stehen Methoden wie Stadtteilbegehungen, Fokusgruppen, kognitive Landkarten - sogenannte mental maps - und Autofotografie, bei der BewohnerInnen bestimmte Orte ihrer Stadtteile selbst auswählen, fotografieren und diese Fotos danach kommentieren und interpretieren. Damit sollen unterschiedliche Interessen und Anforderungen in der Planung des öffentlichen Raums berücksichtigt werden. Beim Thema Sicherheit sind gerade die qualitativen Methoden besonders wichtig.

Die NutzerInnen werden ...

in die Untersuchung aktiv einbezogen. Sie werden aufgefordert, den Raum zu zeigen, ihn zu fotografieren, ihn zu zeichnen und über ihn zu reden. Sie sollen erzählen, wo sie sich gerne aufhalten, wohin sie nicht so gerne gehen und warum das so ist. Aufschlussreich ist auch zu erfahren, was sie im Raum tun und mit wem.

Um das Ziel von Sicherheit im öffentlichen Raum zu erreichen, ...

können neue attraktive Aufenthaltsorte und Sitzgelegenheiten für NutzerInnen geschaffen werden. Wichtig ist, dass Menschen einen Platz bekommen. Förderlich ist es, wenn die Plätze transparent und offen gestaltet werden. Wenn genug Aufenthaltsorte vorgesehen sind, besteht auch die Möglichkeit, dass man/frau sich aus dem Weg gehen kann, dass Menschen sich auch zurückziehen können. Verdrängung und Polizeikontrollen sind kaum geeignete Lösungen. Verdrängungen führen dazu, dass Menschen an neuen Orten auftauchen. Polizeikontrollen führen dazu, dass Orte als unsicher erlebt werden.

Eine überraschende Erkenntnis der Sozialraumanalyse "Mariahilfer Straße" zum Thema Sicherheit ist ...

dass die meisten NutzerInnen die Punks auf der Mariahilfer Straße als positiv erleben. Für viele "gehören" sie zur Straße. TouristInnen holen häufig Auskünfte bei ihnen ein. Trotzdem sind sie von Vertreibung betroffen, weil sie angeblich das Geschäft stören. Das Thema Sicherheit stand bei der Sozialraumanalyse für die Mariahilfer Straße jedoch nicht im Mittelpunkt.

Die größten Knackpunkte, die darüber entscheiden, ob neue Angebote funktionieren, sind ...

der politische Wille, dass der öffentliche Raum allen zugänglich bleiben soll und die breite politische Auseinandersetzung.

Meine persönliche Erfahrung ist ...

dass ein differenzierter Blick auf die Bedürfnisse von Menschen zu anderen Erkenntnissen führen kann, als zu dem, was gerade politisch diskutiert wird. Und der öffentliche Raum wird mitunter nicht als so unsicher erlebt, wie das teilweise öffentlich behauptet oder medial präsentiert wird. Politische Parteien und Medien nutzen das menschliche Urbedürfnis nach Sicherheit auch für ihre Zwecke - Meinungsmache, hohe Auflage und Wiederwahl. Sicherheit im öffentlichen Raum wird als Wahlkampfthema gerne aufgegriffen, weil es Menschen bewegt und im Vergleich zu globalen Krisen leichter lösbar scheint.


Studiengang

Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit

Masterstudium, berufsbegleitend

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