Zukunftsgespräche

Vordenken, durchdenken, weiterdenken – Zukunftsgespräche an der FH Campus Wien

Die Mission der FH Campus Wien ist es, Zukunft mit Bildung zu gestalten. Die Veranstaltungsreihe „Zukunftsgespräche“ der FH Campus Wien greift diesen Anspruch unmittelbar auf. Namhafte Gäste aus dem In- und Ausland diskutieren mit den ExpertInnen der FH über die aktuellen Herausforderungen der Menschheit und die Grenzen, an die man bei deren Lösung bisweilen stößt. Die Zukunftsgespräche suchen nach Ansätzen für die Zukunft und bieten Raum für öffentlichen Diskurs. Thema der Auftaktveranstaltung am 24. November 2016 waren „Die Grenzen der Wohlstandsgesellschaft“.
Die Zukunftsgespräche finden alljährlich im Frühjahr und im Herbst statt. Die nächste Veranstaltung wird sich den Grenzen der Technik widmen.

„Kritisch bleiben und selbst bestimmen!“ – Zukunftsgespräche zu den „Grenzen des menschlichen Lebens“

Technik allein könne menschliche Probleme nicht lösen, sagt Giovanni Maio. Auf den ersten Blick würden wir der Technik zwar gerade in der Medizin viel verdanken. Sie mache den Menschen aber auch zu einem Gefangenen des technisch Machbaren, ist der Freiburger Medizinethiker überzeugt. Warum, das erklärte er am 17. Mai bei den „Zukunftsgesprächen“ der FH Campus Wien, die der Frage nach den Grenzen des menschlichen Lebens nachgingen.
Technik sei, so Professor Maio, eine gedankliche Zugangsweise, ein Ausdruck der Werte einer Gesellschaft, das Resultat einer Sicht der Welt: „Technik verkörpert eine bestimmte Vorstellung von der Welt und verändert diese Vorstellung gleichzeitig.“

Technik als Lebensform

Technik mache die Welt scheinbar handhabbar, sie reduziere Komplexität und führe zu Standardisierung. Technik werde – ohne zu hinterfragen – zur Normalität, obwohl sie nur eine von vielen Handlungsmöglichkeiten sei. Die Bereitstellung von technischen Möglichkeiten sei eine Aufforderung, sie auch zu nutzen: Technik müsse angewendet werden und das verändere die Wahrnehmung der Welt. Technik entlaste, Entscheidungen müssten nicht mehr überlegt werden, sie würden dem Individuum abgenommen. Technik werde zu einem Automatismus und führe zu immer mehr Technik. Sie „entzaubere“ die Welt: Technik reduziere das Vorhandene auf das Gebrauchtwerden, die Welt habe nur mehr einen instrumentellen Wert und das verändere den Umgang mit Leben. Die Welt werde durch Technik zu einer „Bearbeitungsaufgabe“ und das Leben reduziert auf das, was man machen könne.

Medizin im Machbarkeitssog

Giovanni Maio kommt zu dem Schluss, dass „Technik den Blick auf die Dinge verstellt“. Sie schaffe eine Distanz zum Leben. Die Frage nach den Grenzen der technischen Machbarkeit sei eine Haltungsfrage: „Es geht nicht um eine pauschale Machbarkeitskritik, sondern vielmehr darum, in einer technischen Welt durch Reflexion die Haltung zu den Dingen zu verändern und neben dem Machenkönnen auch das Annehmenkönnen zu erlernen.“ Er empfiehlt, ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Technik zu entwickeln, das Mögliche kritisch zu reflektieren und das Leben nicht auf seine technische Logik zu reduzieren.
Über die konkreten Auswirkungen und Grenzen eines technischen Zugangs auf das menschliche Leben diskutierten im Anschluss – moderiert von der Ö1-Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler – die ExpertInnen der FH.

Wunsch und Wirklichkeit

Vom Standpunkt des Biotechnologen und Zellforschers aus betrachtet seien die Grenzen des medizinisch und technisch Machbaren noch lange nicht erreicht. „Die Machbarkeit ist in vielen Dingen nicht so stark ausgeprägt, wie oft angenommen wird“, sagt Thomas Czerny. Was im Labor möglich und machbar sei, funktioniere, wenn überhaupt, oft erst Jahrzehnte später im therapeutischen Alltag, so der Forscher: „Die hohen Risiken der Techniken limitieren ihre Anwendbarkeit beträchtlich.“

Gemeinsam entscheiden

„Technik ja, wenn sie hilft“, bringt es Elisabeth Haslinger-Baumann auf den Punkt. Für die Pflegewissenschaftlerin muss unbedingt geklärt sein, wer entscheidet, was hilft. Bevor Technik in der Pflege und Betreuung zum Einsatz komme, müssten in partizipativen Verfahren gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen und Pflegepersonal die konkreten Bedürfnisse erhoben werden: „Technische Unterstützung darf die Grenze zur Entmündigung nie überschreiten, genau so wenig wie sie als Ersatz für persönliche qualitätsvolle Zuwendung eingesetzt werden soll.“

Choosing wisely

„Wir brauchen Technik in der Medizin. In der Schmerztherapie und vielen anderen Bereichen“, sagt Franz Kolland. Für den Soziologen steht fest: „Im Zuge des Älterwerdens greifen früher oder später sowieso alle zu technischen Hilfsmitteln.“ Differenziert sieht er die Bedeutung von Technik an der Grenze, d.h. am Ende eines Lebens. Hier sei Reflexion besonders wichtig und Technik oft wenig nützlich. Das „medizinische Getöse“ sollte an diesem Punkt des Lebens reduziert werden.

Aktiv und selbstbestimmt

Über die Grenzen des menschlichen Lebens nachzudenken, heißt für Silvia Mériaux-Kratochvila, sich auch mit den Grenzen des menschlich Erreichbaren auseinander zu setzen. Diese Grenzen seien individuell und lägen für jedeN woanders. „Als TherapeutInnen müssen wir unsere PatientInnen dazu bringen, gerne und freudvoll aktiv zu sein. Sie dürfen sich nicht allein auf die Medizin und ihre technischen Möglichkeiten verlassen, sondern selbst die eigene Gesundheit gestalten“, so die Leiterin des Departments Gesundheitswissenschaften. Technik könne dabei unterstützen, den Dialog und die Interaktion aber niemals ersetzen.

Zukunftsgespräche vom 17. Mai 2017

Statements von Thomas Czerny, Elisabeth Haslinger-Baumann, Franz Kolland und Silvia Mériaux-Kratochvila (Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion)

Impressionen der Veranstaltung

Zukunftsgespräche am 17. Mai 2017
Flickr-Fotoalbum


„Die Grenzen der Wohlstandsgesellschaft“: Auftakt der Zukunftsgespräche

Ethisch-moralisch betrachtet hätten wir die Pflicht, zukünftigen Generationen eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen, sagt Monika Betzler. Und das heißt vor allem, das menschliche Tun in die richtige Richtung zu lenken, behauptet Gernot Wagner. Die Münchner Philosophin und der Harvard-Ökonom waren am 24. November zu Gast bei den ersten "Zukunftsgesprächen" der FH Campus Wien und diskutierten mit ExpertInnen der FH über Möglichkeiten und Ansätze, den Klimawandel zu stoppen.

Der Menschheit stehen ökologisch, ökonomisch und sozial große Veränderungen bevor. Wachstum und Wohlstand wirken sich zunehmend negativ auf unsere Ressourcen, auf das Klima, auf Natur und Menschen aus. Wir stehen vor der Aufgabe, all unser Wissen und unsere Fähigkeiten dahingehend einzusetzen, diese negativen Auswirkungen zu stoppen.

Ausreichend viel hinterlassen

Auch wenn wir sie nicht kennen und keine Beziehungen zu ihnen haben – die zukünftigen Generationen haben ein Anrecht auf einen lebenswerten Planeten. „Wir müssen zukünftigen Generationen allerdings nur so viel bereitstellen, dass sie ein hinreichend gutes und damit menschenwürdiges Leben führen können. Zu diesem Zweck müssen wir Mindeststandards definieren“, sagt Monika Betzler. Zu mehr seien wir nicht verpflichtet, so die Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, aber das sei gar nicht so wenig.
Was philosophisch betrachtet so einfach klingen mag, ist tatsächlich viel schwerer zu lösen. Die Philosophie sage, welche Pflichten die Menschen hätten. Die empirischen Wissenschaften definierten die Mittel, die zur Umsetzung erforderlich seien, so Betzler. Entsprechende Ansätze wurden – moderiert von Ö1-Wissenschaftsjournalist Franz Zeller – im Rahmen der ersten „Zukunftsgespräche“ am 24. November an der FH Campus Wien diskutiert.

Kohlendioxid besteuern

Die Grundlagen des Klimawandels sind lange bekannt. „Aber es geht nicht nur um das, was wir wissen, sondern um das, was wir nicht wissen. Es ist diese Ungewissheit, die den Klimawandel so gefährlich macht“, sagt Gernot Wagner. Für den Klimaökonom aus Harvard und Co-Autor von „Klimaschock“ sind es vor allem die Ungewissheiten, warum wir schnell handeln müssen. „Den Klimawandel zu stoppen, ist kaum mehr möglich.“ Die Kohlendioxid-Emissionen müssten rasch auf Null reduziert werden, damit wir zumindest eine Chance hätten, das Schlimmste noch zu vermeiden. Was es braucht, seien vor allem politische Impulse, die Wirtschaftskräfte umzulenken, und einen ausreichend hohen Kohlendioxid-Preis. „Der grünwählende, vegetarische Radfahrer alleine – und ja, ich selbst bin das alles – wird die Welt nicht retten“, so der Ökonom.

Podiumsdiskussion auf der Bühne mit Publikum davor


Richtig entscheiden

„Eigentlich wissen wir als Gesellschaft, was zu tun wäre, tun es aber nicht, weil es uns schwer fällt, unser Verhalten zu ändern“, bringt Günter Horniak es auf den Punkt. Als eine von vielen Möglichkeiten plädierte er in der Diskussion für Nudging, also das „Anstupsen“ in die „richtige“ Richtung, dass es Menschen erleichtert, gute Entscheidungen zu treffen ohne auf Wahlfreiheit verzichten zu müssen. Der Studiengangsleiter Public Management glaubt nicht, dass Unternehmen und Konzerne die Welt vor dem Klimawandel und dessen Auswirkungen schützen werden, sondern dass es dazu globale, politische Anstöße und Entscheidungen im Sinne des „Gemeinwohls“ geben müsse.

Lebensmittel verpacken

„Um die Welt zu retten, ist mehr Verpackung nötig“, sagt Manfred Tacker. Das klingt paradox, ist es aber nicht: „Lebensmittel verursachen 30 % des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes, Lebensmittelverpackungen 1 %. Wenn man berücksichtigt, dass in Schwellenländern 40 % der Lebensmittel verderben, weil sie nicht verpackt sind, und in Österreich 30 % der Lebensmittel weggeworfen werden, dann kann man sich ausrechnen, dass es eine schlechte Strategie wäre, auf Verpackungen zu verzichten, um das Kohlendioxid zu reduzieren“, so der Verpackungstechnologe, für den Unternehmen durchaus eine Rolle spielen, wenn es darum geht, den Klimawandel zu stoppen.

Robust bauen

„Anders als in den vergangenen 40 oder 50 Jahren denken wir heute beim Bauen Nachhaltigkeit mit“, sagt Markus Vill. Für den Forschungskoordinator im Department Bauen und Gestalten geht es darum, robust und nachhaltig zu bauen und Werte für die nachfolgenden Generationen zu schaffen, beispielsweise indem man den Zementanteil in Beton reduziert und durch Zusatzmittel ersetzt. Zement verursacht bei der Herstellung enorm hohe Kohlendioxid-Emissionen. Die Rolle der Unternehmen im Kampf gegen den Klimawandel sieht Vill vor allem auf der menschlichen Ebene: Die Unternehmen, das seien Menschen und es gehe um deren Bewusstseinsbildung.

Sinnhaftes tun

Von einem verändertem Bewusstsein spricht Brigitta Zierer, wenn es um die soziale Verantwortung junger Menschen geht. Sie werde aber heute anders wahrgenommen: „Die sogenannte ‚Generation What‘ will sich weniger großen Organisation anschließen, sie will selbst und unmittelbar etwas tun“, so die Sozialwissenschafterin. Das Soziale müsse im Zusammenhang mit ökologischer, ökonomischer und technologischer Nachhaltigkeit ständig mit bedacht werden. Junge Menschen müssten ermutigt werden, sich global zu orientieren, um Systeme und deren Wirkungen besser verstehen zu lernen.

Zukunftsgespräche vom 24. November 2016

Statements von Gernot Wagner und Monika Betzler (Keynotes), Manfred Tacker, Markus Vill, Brigitta Zierer und Günther Horniak (Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion) und Wilhelm Behensky, Vorsitzender der Geschäftsleitung

Keynote Monika Betzler, Philosophin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Warum sollten uns die Interessen derer, die nach uns leben, etwas angehen? Es gibt viele Gründe zu glauben, dass wir unsere Nachwelt getrost ignorieren könnten. Wir kennen die einzelnen Menschen nicht, die uns auf diesem Planeten nachfolgen. Wir haben keine Beziehungen zu ihnen, es besteht also keine Kooperation. Zudem haben wir bereits genügend Pflichten gegenüber unseren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Die keynote lecture gibt philosophische Antworten auf diese skeptischen Herausforderungen und zeigt auf, welche Gründe wir haben, unsere Nachwelt in unseren ethischen Überlegungen zu berücksichtigen.

Keynote Gernot Wagner, Ökonom an der Harvard University und Co-Autor von „Klimaschock“

Warum unternehmen wir nicht mehr, um unseren Planeten vor dem Klimawandel zu schützen? Schlimm genug, wie gefährlich die Dinge sind, über die wir bereits Bescheid wissen. Noch viel schlimmer könnten die Dinge sein, über die wir nichts wissen oder gar nichts wissen können. Dabei geht es nicht um die Wahl zwischen "Wirtschaftswachstum" und "Klima", sondern darum, unser tägliches Handeln mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen und diesen als eine Frage von Risikomanagement in einem globalen, für die gesamte Menschheit existenziellen Ausmaß zu betrachten.

Impressionen der Veranstaltung

Zukunftsgespräche am 24.11.2016
Flickr-Fotoalbum

Kunstausstellung:

Kunstaustellung: Entgrenzt. magisch. handzahm. vergessen.
Die Zukunftsgespräche werden künstlerisch von Karin Mairitsch begleitet.
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