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03.09.2019

Relation von Städtewachstum und Wohnen bei der INUAS Konferenz

Herausforderungen wachsender Städte in Bezug auf Wohnen und Städteplanung stehen im Mittelpunkt der INUAS Konferenz im November an der FH Campus Wien. „Wohnen ist ein Grundrecht, so wie Nahrung, Wasser und gute Luft“, steht für Martin Aichholzer, Mitglied des wissenschaftlichen Konferenz-Komitees fest.

 

Ein Mann im Gespräch mit einem zweiten Mann © FH Campus Wien/Schedl

Für die INUAS Konferenz „Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentrum und Peripherie“ von 4. bis 6. November hat das wissenschaftliche Komitee 150 Referent*innen aus mehreren Disziplinen zur Diskussion geladen. Martin Aichholzer, Studiengangsleiter Architektur - Green Building an der FH Campus Wien und Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der INUAS Konferenz beleuchtet im Interview die baulich-architektonische Perspektive.

Welches ist Ihrer Ansicht nach derzeit das drängendste Problem für rapid wachsende Städte?

Dass man den „Bedarf“ zwar ernst nehmen muss, aber auch hinterfragen muss. Ein Gebäude steht für 60, 80 oder 100 Jahre. Baulich haben Österreich in den letzten 100 Jahren die Wiederaufbauphasen nach den Weltkriegen geprägt. Die Demografie der Bevölkerung ändert sich aber in wesentlich kürzeren Zyklen als der Häuserbestand. Aktuell gibt es ein immer größer werdendes Bedürfnis nach Platz. Egal ob große Wohnungen oder kleinere für Singlehaushalte beispielsweise, leistbar müssen sie sein, aber die Wohnkosten explodieren. Dabei ist Wohnen ein Grundrecht. Da lenkend einzugreifen bedarf einer sensiblen Diskussion aller an diesem Thema Beteiligten. 

Am Stadtrand von Wien entstehen neue Siedlungen, eigene Stadtteile wie die Seestadt Aspern, welche Funktion nehmen diese aus baulicher Sicht ein?

Diese bieten große Chancen neue Aspekte einzubringen, die enorm wichtig sind, wie Nachhaltigkeitsaspekte und Ressourcenschonung. Wenn ein neuer Stadtteil verwirklicht wird, sollte er die höchsten Nachhaltigkeitsziele haben, weil wir ja mit einem Stadtteil und der geplanten Infrastruktur etwas festlegen, das viel länger als ein Einzelgebäude hält. Diese Konsequenzen müssen gut überlegt sein. Zudem ist ökologische Nachhaltigkeit auch in der Bauweise, also Green Building, absolut notwendig. Ein Beispiel in der Seestadt Aspern: das Holzhochhaus. Holz ist der sinnvollste Werkstoff für ein Haus, es ist ein regeneratives Material und braucht deutlich geringeren Energieaufwand bei der Herstellung als etwa Beton – die Gebäude-Lebensdauer ist aber ähnlich lang.

In Zusammenhang mit Städtewachstum fällt oft das Schlagwort „Nachverdichtung“, warum?

Aus Nachhaltigkeitssicht ist Nachverdichtung immer die bessere Option als Neubau, weil Infrastruktur wie Kanal oder Straßen schon vorhanden sind und oftmals keine weitere Bodenversiegelung von Nöten ist. Genauso ist das Auflösen von Leerständen, egal ob das leerstehende Wohnungen oder Fabrikgebäude sind, ökonomisch und ökologisch sinnvolle Lösungen, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Nachverdichtung und Auflösen von Leerständen bringt immer eine Win-Win-Situation für wachsende Städte.

Derzeit ist Hitze und Kühlung in der Stadt in aller Munde, was kann und soll die Architektur, die Baubranche dafür leisten?

Gebäude beeinflussen das Klima ungemein. Das beginnt bei der städtebaulichen Planung, die beachtet, ob Gebäude durch ihre Architektur Wind durchlassen oder eben nicht. Gebäude selber können durch die Oberflächengestaltung ihr direktes Mikroklima positiv beeinflussen, beispielsweise durch helle Fassadenfarbe, die heiße Luft absorbiert. Dachbegrünung, Fassadenbegrünung hält Hitze ab und das gilt auch für die Bodenversiegelung: Je mehr Asphalt desto heißer, je mehr grün, desto kühler. Eine weitere stark unterschätze Hitzequellen in der Stadt ist der ruhende Verkehr: jedes Autos heizt ähnlich wie ein Wintergarten die Umgebung auf – das ist auch für die Stadtplanung relevant. Auch Klimageräte produzieren zwar für den Innenraum kühle Luft, geben aber nach außen heiße Luft ab. Um Hitze ohne Klimagerät erträglich zu machen, gilt es die Fensterfläche und Ausrichtung der Fenster zu optimieren und von vorne herein einen außenliegenden starren Sonnenschutz zu implementieren. Reicht das nicht aus, dann schaffen Nachtlüftungssysteme Abhilfe – dabei werden Gebäude nachts mit kalter Luft quasi gespült.

Welche Programmpunkte werden Sie selber mit Spannung verfolgen?

Das Zusammenspiel von sozialen Blickwinkeln und Städteplanung ist enorm wichtig für wachsende Städte. Bauen und Soziales beeinflussen einander und lösen gegenseitige Reaktionen aus – es ist nur so, dass die sozialen Veränderungen wesentlich schneller passieren, als die baulichen. Ich werde sehr bewusst einige Beiträge über sozialen Projekte anhören, besonders den Blick in die Ferne bis nach Russland, China, oder Afrika und Indien finde ich spannend.

Was erwarten Sie sich von der INUAS Konferenz?

Durch den Wohnungsdruck – jeder will sich den besten Teil des Kuchens sichern, die Ungleichheiten vom Preis-Leistungsverhältnis sind teilweise enorm – kann es zu Konflikten kommen, da geht es um Themen wie Gentrifizierung. In Wien ist die Durchmischung bis jetzt ganz gut gelungen, z.B. schon in der Gründerzeit wurden die Wohnbauten der Stadt Wien in „guten“ Bezirken platziert. Nicht nur soziale Unterschiede, sondern auch Unterschiede durch verschiedene Herkunft beschäftigen eine wachsende Stadt – die Konferenz bietet eine hervorragende Austauschmöglichkeit, wie machen das andere Nationen. Wünschenswert wäre ja, dass alle Bewohner*innen einer Stadt zufrieden sind. Denn dann bleibt auch mehr Zeit, um sich mit anderen Zukunftsthemen zu beschäftigen, die für unser aller Fortkommen wichtig sind.