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21.10.2019

Mit Gerlinde Kaltenbrunner auf dem 8.000er K2

Profibergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner nahm mehr als 120 Besucher*innen bei einer Campus Lecture mit in die höchsten Berge der Welt – eine Reise zwischen Mühsal und Triumph.

Sich aus eigener Kraft einen Lebenstraum erfüllen – einen richtig außergewöhnlichen – darauf kann Gerlinde Kaltenbrunner mit Recht stolz sein. Sie hat ihren größten Wunsch, alle vierzehn 8.000er Berge der Welt zu besteigen, in die Realität umgesetzt. Jeden Gipfel erklommen, meist in mehreren Anläufen, mit Rückschlägen, aber immer ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff und ohne Hilfe von Hochträgern. Davon erzählt sie mit Gelassenheit, eine Eigenschaft, die sie in den Bergen und von den Bergen gelernt hat: „Die hohen Berge – meine Lehrmeister. Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen“, so titelt Kaltenbrunner ihren mitreißenden und eindrucksvollen Vortrag.

Von Kind an verliebt in die Berge

Auf Einladung vom Department für Angewandte Pflegewissenschaft brachte Gerlinde Kaltenbrunner am 10. Oktober Gipfelfeeling in den Festsaal der FH Campus Wien und fesselte rund 130 Teilnehmer*innen der Campus Lecture mit der Geschichte über den mühevollen und von Erfolg gekrönten siebenten Versuch zur Besteigung des K2. Als Einleitung schilderte Departmentleiterin Roswitha Engel den imposanten Werdegang von Gerlinde Kaltenbrunner: Von den ersten Klettertouren mit dem Pfarrer der Heimatgemeinde Spital am Phyrn über die vielen Touren neben ihrer beruflichen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in Wien bis zur erste Expedition auf einen Gipfel mit der 8.000er Marke. Mit 23 bestieg Kaltenbrunner den Broad Peak Vorgipfel (8027 m) in Pakistan. In die nächsten vier Expeditionen floss ebenso das gesamte Gehalt der Gesundheits- und Krankenpflegerin, erst nach der Besteigung des Nanga Parbat im Jahr 2003 als fünften Berg über achttausend Meter, verschrieb sie sich voll und ganz dem Profibergsteigen.

„Oberste Priorität ist die gesunde Rückkehr“

Als Erfolgsgeheimnis bezeichnet Kaltenbrunner ihre Einstellung: „Die absolute innere Begeisterung und die 100% Zustimmung, es durchzuziehen, auch wenn es schwierig und hart wird. Das hilft in jeder Lebenslage, nicht nur am Berg.“ Gleich bei der ersten Expedition habe die Bergsteigerin gelernt, achtsam zu sein – jeder Schritt kann weitreichende Folgen haben – und auf den eigenen Körper und das Bauchgefühl zu hören. Dieses habe ihr schon oftmals geraten, umzukehren, auch wenn der Gipfel und damit das Ziel greifbar nahe war. „Die Grenze habe ich im Laufe der Jahre schon oft verschoben, aber ja nicht die Grenze überschreiten. Das oberste Ziel ist nicht der Gipfel, sondern gesund heimzukommen.“

Körper und Geist genügend auf alles einstellen

Umfassendes Training im Vorfeld bereite sie körperlich bestmöglich auf die Anforderungen am Berg vor. Auch die Ernährung spiele eine wichtige Rolle. „Ich habe für mich festgestellt, dass rein pflanzliche Ernährung das Beste ist. Mein Schlaf ist dadurch verkürzt, ich regeneriere körperlich schneller und Konzentration und Klarheit im Kopf steigern sich enorm“, so Kaltenbrunner. Beim Bergsteigen setzt sie auch auf Energie von Trockenfrüchten wie Marillen. Oftmals geht bei einer Gipfelbesteigung die Nahrung aus: „Zwei Tage ohne Essen ist kein Problem, solange wir Gaskartuschen haben und Schnee schmelzen können, um ausreichend Wasser zu trinken.“
Fit bleiben ist also wichtig, aber genauso große Bedeutung misst Kaltenbrunner der Regeneration zu, die oftmals zu kurz kommt. „Ich habe dann sehr bald zu meditieren begonnen, um den Geist zur Ruhe zu bringen. Das hilft mir auch in schwierigen Momenten, einen klaren Kopf zu bekommen und so die Entscheidung zu treffen.“

Sechs Mal gescheitert – hart erkämpfter Erfolg beim siebenten Versuch

Nach der erfolgreichen Besteigung des Mount Everest 2010 fehlte in der Sammlung der 8.000er Gipfel für Kaltenbrunner nur noch der K2 – für sie der schönste Berg, aber auch der schwierigste. Sechs Mal zwangen sie schlechte Wetterbedingungen oder andere Umstände zur Umkehr, erst über die noch extremere Nordroute gelang Kaltenbrunner am 23. August 2011 die Besteigung. Die mühsamen Wochen bis zu diesem einzigartigen Moment schilderte Kaltenbrunner bei der Campus Lecture detailreich und fesselnd. Erzählungen über Teamdynamik, emotionale Up and Downs, mentale Stärke genauso wie körperliche Anstrengung bei schier unüberwindbar scheinende Routenpassagen ließen die Zuschauer*innen die Besteigung hautnah miterleben. Vom Team aus sechs Bergkamerad*innen erreichten vier das Ziel, zwei kehrten wegen angeschlagenerer Gesundheit um und unterstützten die am Berg Weitersteigenden vom Basislager aus: „Wenn die zwei nicht umgedreht hätten, wäre sich der Gipfel für uns andere wahrscheinlich nicht ausgegangen“, meint Kaltenbrunner im Rückblick.
„Um seine gesteckten Ziele zu erreichen, egal in welchen Bereichen, steht allem voran die absolute innere Begeisterung, die volle Hingabe für das Ziel, die detaillierte Planung und mentale Vorbereitung. Ebenso wichtig sind Disziplin, Willensstärke und das Vertrauen in die Intuition genauso wie die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Am Berg kommt noch unbedingt der respektvolle Umgang mit der Natur und die achtsame Begegnung mit ihr dazu.“