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24.10.2019

INUAS Konferenz: Leistbares Wohnen für alle

„Planung von leistbarem Wohnraum ist ein langfristiger Prozess, der nicht beim Bauen endet“, greift Wohn- und Stadtforscherin Isabel Glogar einen Themenkomplex der INUAS Konferenz auf. „Und es erfordert die Zusammenarbeit und Kommunikation unterschiedlicher Disziplinen.“


Das Programm der INUAS Konferenz „Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentren und Peripherien“ von 4. bis 6. November an der FH Campus Wien trägt dieser Interdisziplinarität Rechnung. Isabel Glogar, Wohn- und Stadtforscherin und Lehrende im Department Bauen und Gestalten gibt im Interview einen Ausblick, welche brennenden Fragen Expert*innen aus mehr als 20 Ländern diskutieren: 

Was macht für Sie die INUAS Conference aus?

Abgesehen von der Interdisziplinarität macht für mich die Mischung der Teilnehmer*innen den besonderen Reiz aus: Praxis und Wissenschaft treffen aufeinander, Menschen, die sich aktiv einbringen und Projekte wie Nachbarschaftsinitiativen vorantreiben diskutieren mit Personen der Stadtentwicklung und Stadtforschung. Wohnen trifft alle, und gerade die Tatsache der steigenden Wohnkosten in vielen europäischen Städten und der schwierige Zugang für viele Gruppen zu leistbaren Wohnraum ist enorm. Als Planerin ist mir wichtig, dass die Leistbarkeit bei gleichzeitiger Qualität gegeben ist und unterschiedliche Wohnformen für verschiedene Lebensmodelle entstehen können.

Sie selber moderieren als Chair bei der Session Planung & Nachverdichtung – wo liegen da die Herausforderungen?

Nachverdichtung ist eine Chance, Raumressourcen besser zu nützen und weiteren Wohnraum zu schaffen, ohne weitere Fläche in Anspruch zu nehmen, und auf schon vorhandene Grundinfrastruktur aufzubauen. Ökologisch gesehen sorgt Nachverdichtung für einen besseren Fußabdruck in wachsenden Städten. Allerdings muss auch an die soziale und funktionale Durchmischung der Stadt gedacht werden und auf die Auswirkungen auf das Stadtklima. Wenn also Geschäftsviertel und Bürohäuser neben mehr Wohnraum entstehen, dann muss auch soziale Infrastruktur, wie Schulen, Nah- und Gesundheitsversorgung aber auch Freiräume und qualitätsvolle Stadträume usw. mitwachsen, um die Wohnqualität zu gewährleisten. Ein Beispiel, bei dem soziale Infrastruktur sehr gut mitgedacht wurde, ist das Sonnwendviertel, das wir uns bei einer Exkursion der INUAS Konferenz näher anschauen. Das dort befindliche Hausprojekt Bikes & Rails zeigt sehr schön, wie ein Thema – in dem Fall alternative Mobilitätsformen und selbstorganisiertes Wohnen – verbindet und Gemeinschaft entstehen kann. Das Projekt stellt Solidarität in den Mittelpunkt und eine solidarische Finanzierung über habiTAT- das Miethäuersyndikatsmodell. Die geplanten Quartiershäuser oder der Bildungscampus beispielsweise zielen auf die Begegnung einer vielfältigen Nachbarschaft ab. Das Quartiersmanagement unterstützt längerfristig die Entstehung von Nachbarschaft. Nachverdichtung sollte Initiativen und Akteuren Raum lassen, die Wohnen aktiv mitgestalten aber auch bereits ansässig Bewohner*innen der bestehenden Stadtteile miteinbeziehen.

Planung ist ein essenzieller Punkt für wachsende Städte. Was ist dafür unabdingbar?

Planung ist als langfristiger Prozess zu sehen, der nicht beim Bauen endet. Auch das Wohnen, die Bewirtschaftung und das Stadtteilmanagement ist noch Teil des Ganzen und deswegen spielt die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen, die verschiedene Blickwinkel einbringen, eine große Rolle. Weil so viele Leute involviert sind, kommt der Kommunikation zwischen den Akteuren enorme Bedeutung zu. Aber für Planung im sozialen und ökologischem Sinne ist auch grundlegend, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür passen und geschaffen werden.

Gesetzliche Rahmenbedingungen und das Recht auf Wohnen stehen als eine der Kernfragen der INUAS Konferenz auf dem Programm?

Viele Beiträge drehen sich um diese Frage. Besonders freue ich mich auf die Diskussion darüber, was es braucht, um eben das Recht auf Wohnen zu sichern und zu garantieren. Unsere internationalen Keynote-Speaker*innen wie Amita Bhide vom Tata Institute of Social Sciences Mumbai und Javier Burón Cuadrado, Wohnbaustadtrat von Barcelona, geben uns Einblicke, wie sich die Situation in anderen Metropolregionen entwickelt und welche Entwicklungsstrategien zum Tragen kommen. Zukunftsszenarien wie Liberalisierung des Wohnungsmarkts oder Lockerung des Mietgesetzes werden sicherlich diskutiert werden. Denn diese haben Auswirkungen auf die Wohnsituation, weil innerstädtisch steigende Kosten für Wohnen eine Verdrängung Richtung Stadtrand nach sich ziehen und bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft besonders treffen. Barcelona hat in den letzten Jahren Strategien entwickelt, den Zugang zu leistbarem Wohnen für viele zu ermöglichen.

Welchen brennenden Fragen stellt sich die INUAS Konferenz noch?

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat das Thema Klimawandel für uns alle wieder sehr präsent gemacht, denn es betrifft alle und spielt natürlich auch ins Wohnen hinein. Dabei geht es im nachhaltigen Bauen um das Spannungsfeld leistbares, qualitätvolles Wohnen mit ökologisch verträglicher Stadtentwicklung zu verbinden. Sascha Roesler von der Swiss National Science Foundation wird uns dazu in seiner Keynote „Urban Climate in Everyday Life“ neue Einsichten geben und betonen, wie wichtig die Orientierung am Alltag der Menschen für eine nachhaltige Architektur ist.