Interview mit Giovanni Maio

„Eine gesunde Balance finden zwischen Machenkönnen und Akzeptierenlernen“

Dank moderner Medizin können wir heute Krankheiten überwinden und Einschränkungen lindern. Die Chancen auf ein langes und möglichst gesundes Leben steigen. Was für viele positiv erscheinen mag, ist für Giovanni Maio, Medizinethiker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, eine "Fehlentwicklung weiter Teile der modernen Medizin". Warum, das erläutert er im Interview. Professor Maio ist am 17. Mai 2017 zu Gast bei den Zukunftsgesprächen der FH Campus Wien.

Giovanni Maio im Portrait für Bücherwand
© Oliver Lieber

Was ist falsch an den neuen Möglichkeiten, die die moderne Medizin heute bietet?

Die neuen Möglichkeiten sind nicht falsch; es geht darum, wie wir mit ihnen umgehen. Es geht darum, ob wir glauben, mit den neuen technischen Möglichkeiten alle Probleme des Lebens lösen zu können oder ob wir bereit sind anzuerkennen, dass die technische Lösung allein nicht ausreicht. Es geht um einen besonnenen Umgang mit der Technik, nicht um eine Pauschalabwehr technischer Zugangsweisen.

Wo liegt für Sie in der Medizin die Grenze des Machbaren?

Es gilt, dem Menschen dabei zu helfen, eine gesunde Balance zu finden zwischen Machenkönnen und Akzeptierenlernen. Der Mensch darf nicht in eine Machbarkeitsfalle tappen und damit durch überzogene Erwartungen an das Machbare sich selbst zum Sklaven technischer Angebote machen. Es geht darum, dass der Mensch Eigengestalter seines Lebens bleibt und sich nicht beherrschen lassen darf durch die vollmundigen Versprechen einer Medizinwirtschaft und Technikindustrie.

Welche Risiken birgt das Überwinden der Grenze des medizinisch und technisch Machbaren?

Die Gefahr besteht darin, dass wir soziale Probleme meinen biologisch lösen zu wollen. Sie besteht darin, dass wir in eine Denkweise zurückfallen, die ein mechanistisches Menschenbild voraussetzt. Es geht darum, zu verhindern, dass eine Art technischer Imperativ entsteht, durch den wir glauben, keine andere Wahl zu haben als alle technischen Angebote anzunehmen. Die Technik hat einen Aufforderungscharakter, dem der Mensch, wenn er frei bleiben will, sich entziehen können muss, denn sonst führt er nicht ein Leben, das er selbst aussucht, sondern lässt sich steuern durch Lebensentwürfe, die die Industrie ihm vorlegt und verheißt.

Warum kann die Technik allein medizinische Probleme nicht lösen?

Weil der Mensch keine Maschine ist, die einfach umprogrammiert, repariert, umgestellt werden kann. Der Mensch muss als leibseelische Einheit gesehen werden, und wenn die Medizin glaubt, dem Menschen allein über Technik helfen zu können, dann übersieht sie das Potenzial zwischenmenschlicher Begegnung, das Potenzial eines verstehenden Zuhörens, das Potenzial der Heilkraft, die aus der Mobilisierung der eigenen inneren Ressourcen erwachsen kann.

Wie verändert die zunehmende medizinische und technische Machbarkeit das Bild vom menschlichen Leben? Wie den Umgang damit?

Indem die moderne Medizin sich in weiten Teilen ein mechanistisches Menschenbild zu eigen macht, sorgt sie für eine zunehmende Entfremdung. Der Mensch entfremdet sich von sich selbst, weil er auf diese Weise verlernt, auf sich, seine innere Stimme, seine inneren Regungen, seine inneren Ressourcen zu hören. Der Mensch folgt den technischen Verheißungen und glaubt, dass das der einzige Weg ist. Aber die Grundprobleme des Menschen lassen sich ohne Gefühle der Gemeinschaft mit anderen, ohne das Gefühl des Aufgehobenseins in einer Welt mit anderen, ohne das Gefühl, verstanden worden zu sein, nicht lösen. Denken Sie an die Erkrankung Krebs. Natürlich ist es wichtig, hier auch Chemotherapie anzusetzen, wo sie Sinn macht, aber die Betreuung von Krebspatienten auf die Gabe von Körpergiften zu reduzieren, ist gefährlich, weil man auf diese Weise den Menschen in seiner existenziellen Not alleine lässt und weil man ihn auch in eine Situation bringt, in der er oft überzogene Hoffnungen an die Chemotherapie hegt. Die Medizin muss Raum für Hoffnung schaffen, aber sie darf nicht zu viel versprechen. Hoffnung schenken ist ja mehr als zu versichern, dass man heilen wird, auch wenn Vieles dagegen spricht, sondern Hoffnung spenden heißt, dem anderen das Gefühl zu geben, dass ganz gleich wie die Chemo anschlagen wird, er dennoch viel aus seinem Leben machen kann, auch wenn er schwerkrank ist. Das ist Hoffnung, und nicht die Zelebrierung der Machbarkeit. Chemo ansetzen und zugleich innerlich bestärken, damit man sich nicht auf die Chemo versteift. Das wäre eine humane Medizin, die die Grenzen des Machbaren anerkennt und den Patienten gerade nicht alleine lässt, wenn technisch nichts mehr zu machen ist.


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