Interview mit Frank Lulei

„BIM ist eine neue Philosophie“

Dr. Frank Lulei ist Bereichsleiter für Contract und Risk Management im Unternehmensbereich Tunnelbau der STRABAG AG. Er ist viel international unterwegs, zuletzt in London für die Angebotserstellung eines Großprojekts in Großbritannien. An der FH Campus Wien hält er im Masterstudium Bauingenieurwesen - Baumanagement eine Vorlesung zum Thema Building Information Modelling. BIM verlange nach einem Kulturwandel in der Baubranche, ist Lulei überzeugt.

Läutet BIM nach CAD die zweite digitale Revolution in der Baubranche ein?

BIM - Building Information Modelling - ist ein virtuelles Modell, an dem alle an einem Bauprojekt beteiligten Fachdisziplinen gemeinsam arbeiten können - vom bauausführenden Unternehmen, über Architekturbüros bis zu Zulieferer- und Haustechnikunternehmen. Nicht zu vergessen der Bauherr selbst, der BIM einfordern und in seine Auftragsabwicklung von der Vergabe weg integrieren muss. Dafür müssen unternehmensübergreifend Schnittstellen definiert sowie Prozesse zur Abstimmung und Freigabe standardisiert und automatisiert werden. Die Kernidee lautet: zuerst virtuell, dann real bauen. BIM steht für einen Kulturwandel, Offenheit und Transparenz, letztlich für eine neue Form der Zusammenarbeit aller Beteiligten. BIM ist sicher auch eine technische Herausforderung, in erster Linie jedoch eine große Kommunikations- und Managementaufgabe, quasi eine neue Philosophie in der Baubranche.

BIM - wie ist der Status quo in Österreich?

BIM ist gerade im Kommen, zuerst intern in großen Unternehmen, dann extern. Spätestens in zehn Jahren wird BIM in vielen Bereichen Realität sein. Bei internationalen Großprojekten ist es heute schon Standard. Vorreiter sind UK, Skandinavien, Asien und die USA. Der Mehraufwand, den BIM neben dem Nutzen ebenfalls mit sich bringt, etwa bei der Schulung von MitarbeiterInnen, Abstimmungsprozessen und Investition in Software, macht sich jedoch für kleinere Unternehmen nicht so schnell bezahlt. Nicht heute und vielleicht auch nicht gleich morgen.

Welche Risiken sehen Sie?

BIM verspricht Vorteile, bringt aber auch neue Schwierigkeiten mit sich. Es erfordert hohe kommunikative Disziplin, Verbindlichkeit der Entscheidungen und mehr kommunikativen Abstimmungsaufwand. Dem stehen gesteigerte Effizienz und Effektivität gegenüber. BIM bedeutet auch, mit anderen Unternehmen durchgängig Wissen zu teilen. Das ist gerade in einer von großen Risiken geprägten Branche, die gleichzeitig einem hohen Preis- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt ist, herausfordernd. Darin liegt auch der Grund, warum dieser Kulturwandel im Bauwesen vergleichsweise spät einsetzt. Die ständige Zugriffsmöglichkeit auf einen gemeinsamen Datenpool bringt zudem eine wachsende Verantwortung der einzelnen MitarbeiterInnen mit sich, Informationen laufend zu verarbeiten und zeitnah zu reagieren. Auch Haftungsfragen werden komplexer.

Und welche Chancen?

Der größte Benefit ist, dass durch BIM kostspielige Fehlplanungen vermieden werden können. Ein virtuelles Gebäudemodell wird über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks aktuell gehalten und genutzt. Eine Chance sehe ich auch darin, dass dieser Kulturwandel Menschen mehr in den Mittelpunkt rückt: einerseits durch den notwendigen kommunikativen Austausch, andererseits deshalb, weil durch Standardisierungen des Planbaren mehr Raum und Zeit für das Wesentliche, nämlich zum Lösen von komplexen unvorhersehbaren Aufgaben bleibt. Und das kann der Mensch immer noch besser als die Technik.

Wie kann man eine laufende Entwicklung im Studium vermitteln?

Man wird BIM eher gerecht, wenn man keine "One-man-show" daraus macht, sondern verschiedenste ExpertInnen miteinbezieht. Ich lade in meine Vorlesung Gastvortragende zu Themen wie Software, BIM als Managementaufgabe bei Großprojekten, Vertragsmanagement und aktuelle Forschungsthemen aus der Praxis ein. Es ist nicht so wichtig, sich heute auf eine bestimmte Software zu spezialisieren, denn wer weiß, was sich morgen durchsetzt. Es geht vielmehr darum, eine bestimmte Haltung zu vermitteln und zu fördern.

Welches Anforderungsprofil muss ein Bauexperte/-expertin zukünftig erfüllen?

Der Weg geht wieder zurück zum Ursprung - BIM erfordert GeneralistInnen, die Bauingenieurwissen haben, IT-und prozessaffin sind und die vor allem mit Menschen gut können. BIM-ManagerInnen werden sich als neues Berufsbild etablieren, wo genau diese Universalität und disziplinübergreifende Haltung gefordert ist.


Studiengang

Bauingenieurwesen - Baumanagement

Masterstudium, berufsbegleitend

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