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11.07.2019

Wohnen unter Druck – INUAS Konferenz sucht nach Antworten

„Mit dem Thema Wohnen erwischen wir den Puls der Zeit. Besonders die Aspekte des sozialen und leistbaren Wohnens beschäftigen die wachsenden Städte“, ist Christoph Stoik, Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der INUAS Konferenz, überzeugt.

Christoph Stoik im Gespräch

Die INUAS Konferenz „Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentrum und Peripherie“ von 4. bis 6. November stellt die großen Herausforderungen wachsender Städte in ihren Mittelpunkt. Christoph Stoik, Lehrender und Forschender des Departments Soziales an der FH Campus Wien und Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der INUAS Konferenz, im Talk zum Konferenzprogramm:

Welche Aspekte aus Ihrer Disziplin sind bei der INUAS Konferenz essenziell?

Aus der Sicht der sozialraumorientierten Forschung und Lehre ist das Wechselverhältnis zwischen den strukturellen Gegebenheiten und den einzelnen Personen spannend: Also die Fragen nach der Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum mit allem Drumherum wie Infrastruktur, Versorgung usw. und das subjektive Erleben und Handeln der Menschen in diesem Kontext. Fragestellungen dabei sind beispielsweise:
-    Wie erleben Menschen, dass sie an der Peripherie leben? Nicht nur physisch-räumlich, sondern auch gesellschaftlich gedacht.
-    Wie empfinden Menschen ihr Wohnen in einem sozialen Wohnbau, der ja ein bestimmtes Image hat oder eine Stigmatisierung mit sich bringt?
-    Welche Möglichkeiten des Handels haben diese Menschen überhaupt, wie können sie sich einbringen und ihre Interessen formulieren, damit sie sich auch als Teil der Gesellschaft fühlen? Und - wie kann man das fördern?

In Ihren Forschungsprojekten haben Sie sich mit diesen Handlungsfeldern im gemeinnützigen Wohnbau auseinandergesetzt und Aneignungsprozesse wissenschaftlich begleitet – welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Beispielsweise das Wohnprojekt OASE in Wien Donaustadt: Die Caritas Stadtteilarbeit hat hierbei den Begleitprozess organisiert, zum Beispiel mit dem Ziel, dass Bewohner*innen einen Gemeinschaftsraum gemeinsam gestalten. Ideen über Nutzung und Einrichtung des Raums wurden entwickelt und verhandelt. Aber es ging dabei auch um die Implementierung von Kommunikationsstrukturen und -kultur in der gesamten Wohnhausanlage. In diesem Fall wurden kollektive Prozesse in Gang gesetzt und Foren ins Leben gerufen. Spannend war, wie sehr diese Strukturen auch nach Beendigung des Aneignungsprozesses Früchte getragen haben, als es zum Aufstellen von Spielen Verboten-Schildern auf Grund von Einzelmieter*innenbeschwerden gekommen ist. Die Foren sind aktiv geworden, haben politische Vertreter*innen involviert und auf Initiative der Gemeinschaft sind die Schilder schnell wieder verschwunden.

Welche Kraft wohnt Mieter*innenbeiräten inne?

Eine große und auch das ist sehr spannend, weil deren Arbeit kann sehr schnell politische Relevanz bekommen. Gehen wir davon aus, dass die Probleme in einem Wohnbau ähnlicher Natur sind wie die im nächsten Block, also übergeordneter Natur sind. Wenn sich Mieter*innenbeiräte vernetzen und organisieren und eine breitere Diskussion ermöglichen, haben sie sehr schnell große Potenziale und so etwas wie eine politische Macht.

Als wissenschaftliches Komiteemitglied war Ihnen die Interdisziplinarität der Konferenzbeiträge ein großes Anliegen, warum?

Damit wollen wir die Probleme wachsender Städte in Bezug auf Wohnen in ihrer Komplexität transparenter machen, um dadurch Lösungen zu finden - ein Beispiel: klimarelevante Architektur. Aus einer baulich-architektonischen Perspektive gibt es viele Zugänge. Die Frage des Nutzer*innenverhaltens ist dabei aber auch relevant: Wie werden bauliche Maßnahmen angenommen, welche Widerstände gibt es und welche Auswirkungen haben diese auf die CO2-neutralen Maßnahmen? Deswegen treten in den Panels der Konferenz unterschiedliche Disziplinen in Auseinandersetzung. Aber auch Transdisziplinarität, der Diskurs zwischen Wissenschaft und Praxis ist uns wichtig.

Auf dem Programm stehen Beiträge aus mehr als 20 Ländern – die Konferenz ist also sehr international besetzt?

Definitiv. Wien gilt zwar weltweit als Musterbeispiel für sozialen Wohnbau, obwohl auch Wien große Herausforderung aufgrund des stetigen Wachstums zu bewältigen hat. Aber wir wollen die internationale Diskussion vorantreiben und vergleichen, wie verschiedene Länder und unterschiedlich große Metropolen – quer durch von Kairo über Moskau bis Barcelona – agieren und davon lernen. Die Internationalität spiegelt sich auch in den Keynotes mit Expert*innen wider, wie bei Loretta Lees und Amitha Bhide, die die südliche Perspektive zeigt.

Was erwartet uns bei den Exkursionen?

Die Exkursionen zeigen uns die Peripherie. Wachsende Städte werden sehr oft aus der Perspektive des Zentrums betrachtet, weil das Zentrum als Ausgangspunkt vom Wachstum gesehen wird. Spannend ist aber auch: Was passiert mit dem Stadtrand, wie verschieben sich Ressourcen, wie erfolgt Nachverdichtung, etc.? Wir schauen uns international bekannte Vorbildbeispiele, wie die Seestadt Aspern, an und besuchen Mieter*inneninititativen im 10. Wiener Gemeindebezirk. Diese zeigen, wie Transformationsprozesse partizipativ mit den Bewohner*innen erfolgen können. Ein anderes innovatives Beispiel ist die Mietshaussyndikat-Bewegung, die darauf abzielt, Wohnraum aus dem Wohnungsmarkt herauszulösen und für alle nutzbar zu machen, beispielsweise als Kulturzentrum.

Warum freuen Sie sich auf die INUAS Konferenz im November?

Unsere Konzeptidee von der Betrachtung der Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie sowie der interdisziplinären Diskussion ist voll aufgegangen. Mit dem Mix von Beiträgen hochkarätiger Expert*innen und innovativer studentischer Papers ist ein unheimlich spannendes Programm gelungen. Darüber hinaus freut mich die Kooperation mit der IBA, der Internationalen Bauausstellung. Beim IBA-Talk werden wir uns mit den möglichen Steuerungsinstrumenten zur Förderung sozialen Wohnbaus auseinandersetzen. Damit stellen wir uns einmal mehr der Frage: „Was braucht es für eine Politik, damit sozialer Wohnraum und leistbares Wohnen geschaffen werden kann?“