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04.10.2019

Internationale Keynote-Speaker*innen übers Wohnen bei INUAS Konferenz

„Das Besondere der INUAS Konferenz ist, dass Agierende aus Wissenschaft, Stadtentwicklung und Wohnbaupolitik sowie aus einer Vielzahl unterschiedlicher Länder zusammenkommen und drängende Fragen erörtern“, sagt Marc Diebäcker. Das Thema Wohnen in wachsenden Städten birgt viel Diskussionsstoff, denn die Frage einer sozialen und nachhaltigen Stadt wird sich nicht in den Zentren, sondern in ihren peripheren Ballungsräumen entscheiden.

Frau mit Kind auf einem Platz in der Seestadt Aspern

 

Das Programm-Komitee der INUAS Konferenz „Wohnen unter Druck. Dynamiken zwischen Zentren und Peripherien“ von 4. bis 6. November hat bedeutende Keynote-Speaker*innen geladen. Marc Diebäcker, Lehrender und Forschender des Departments Soziales an der FH Campus Wien und Mitglied des wissenschaftlichen Konferenz-Komitees gibt einen Ausblick:

Welche Gemeinsamkeiten haben wachsende Städte in Bezug auf den Wohnungsmarkt?

Global Cities sind Städte, die stark miteinander verflochten sind, aber auch stark miteinander in Konkurrenz stehen. Ihre unternehmerische Intention ist es, Investitionen anzuziehen und dadurch entsteht vor allem seit der Finanzkrise 2008 eine besondere Dynamik. Umwandlung von Mieten in Eigentum, steigende Bodenpreise und Wohnkosten oder die Verdrängung von Bevölkerung aus zentralen Lagen sind die sichtbaren Folgen.

Welche Dynamik spielt sich zwischen Zentrum und Peripherie ab?

Wir konnten in den letzten 30 Jahren die Entwicklung verfolgen, dass Stadtgebiete, die neu aufgewertet werden, starken Zustrom von kaufstarken Gruppen erfahren. Die dort ansässige Bevölkerung ist aber in der Regel ärmer als die neu hinzuziehende, kann sich die steigenden Wohnkosten nicht leisten und wird zunehmend aus zentralen Lagen verdrängt. Auch die Mittelschicht kann sich durch die intensivierte Dynamik am Immobilienmarkt in den letzten 10-15 Jahren Wohnen im Zentrum kaum leisten. Periphere Quartiere erfahren dadurch eine Aufwertung, was wiederum Druck auf die dort lebende, oft ärmere Bevölkerung erhöht. Wir beobachten vielerorts also eine starke, oft verdeckte Verdrängungsspirale mit erheblichen sozialen Polarisierungseffekten.
Bei der INUAS Konferenz wird eine der bekanntesten Gentrifizierungsforscher*innen, Loretta Lees, darüber referieren. Ich bin schon gespannt, wie sie die Dynamik und Urbanisierungsmuster sowie den politischen Umgang damit in unterschiedlichen Metropolen  beschreibt.

Gentrifizierung, Verdrängung und Zusammenleben – ist das nicht auch ein politischer Themenkomplex?

Auf jeden Fall, ob sich Bevölkerungsgruppen Wohnungen leisten können, hat zunächst viel mit Steuer- und Finanzpolitik wie auch mit Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik zu tun.
Wir in der Sozialen Arbeit bemerken beispielsweise, dass in wachsenden Städten prekäres und informelles Wohnen stetig zunimmt. Informelles Wohnen bedeutet, über keinen Mietvertrag zu verfügen und in die verdeckte Wohnungslosigkeit abzugleiten, also bei Freunden, Eltern und Bekannten unterzuschlüpfen oder sich notgedrungen für einen Wohnplatz in schwierige Abhängigkeiten zu begeben. Insbesondere Frauen, junge Erwachsene und geflüchtete Menschen sind davon betroffen. Eine große zentrale Frage der Stadtpolitik ist, wie eine soziale Stadt es schaffen kann, qualitätsvollen Wohnraum für ihre gesamte Bevölkerung anzubieten. Ich glaube, es ist dabei wichtig, den sozialen Wohnungsmarkt zu stärken und auch der private, frei finanzierte Markt steht in der Verantwortung ausreichend leistbaren Wohnraum zur Verfügung stellen.

Wie lösen das internationale Städte? Welche Beispiele sind auf der INUAS Konferenz zu hören?

Wenn wir über leistbares Wohnen sprechen, müssen wir festhalten, dass im sozialen Wohnbau vielerorts in den 1990er und 2000er Jahren eine große Privatisierungswelle stattgefunden hat. Städte wie Berlin, London, Amsterdam, Warschau, Stockholm oder München spüren jetzt, dass die Mieten stark steigen und eine wichtige Alternative des Gegensteuerns verloren gegangen ist. Dass das keine gute Idee war, scheint auch bei politisch Verantwortlichen zunehmend anzukommen. Ein interessantes Beispiel ist auch Spanien, wo der Wohnungsmarkt zu 90% in privater Hand ist. Dort sind gleichzeitig sehr starke Mietpreissteigerung bei einem enorm hohen Leerstand zu beobachten. In Barcelona hat die lokale Regierung aufgrund der widerständigen „Wohnungsbewegung“ ein neues politisches Programm entwickelt. Dazu wird bei der INUAS Konferenz Javier Burón Cuadrado, Barcelonas Wohnbaustadtrat, in seiner Keynote Näheres erläutern.

Die Konferenz legt ja auch den Blick auf wachsende Städte außerhalb der westlichen Hemisphäre – was könnten wir uns hier zum Thema Wohnen abschauen?

Es war uns wichtig, die Perspektive radikal zu verschieben, oft vergleichen wir nur „westliche“ Großstädte. In der Regel können wir im deutschsprachigen Raum die Urbanisierungsdynamik und Wohnverhältnisse in Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika nicht ausreichend verstehen. Wenn beispielsweise ein Teil des Wohnbaus in den Agglomerationszonen von Mexiko City informell – also über Landnahme – verläuft, dann ist dieser Prozess in rechtlich regulierten Ländern wie Deutschland, Schweiz oder Österreich kaum nachvollziehbar. Wir wollen bei der Konferenz auch von Ländern anderer Kontinente lernen. Daher bin ich sehr froh, dass wir z.B. auch Referent*innen aus Kairo, Tel-Aviv, Rabat oder Shanghai begrüßen können. Ganz besonders freue ich mich natürlich auf Amita Bhide aus Mumbai, die in ihrer Keynote über Realitäten und Utopien des Wohnens in Indien berichten wird.

Wie sehr sind Smart Cities Zukunftsmusik oder jetzt schon Realität?

Am Konzept der Smart Cities hängt im hohen Maße ein Fortschrittsglaube, dass man die Probleme der wachsenden Stadt über technische Errungenschaften analysieren und steuern kann. Ich denke, die Steuerungsfrage ist eine demokratische Frage und ich persönlich favorisiere den Zugang einer koordinierenden Smart City, wie Richard Sennet sie nennt. Eine Smart-City-Strategie, die sich selbst Beschränkungen für Datenerhebung und -nutzung auferlegt, die die Nützlichkeit ihrer Technologien für den Alltag der Menschen in den Vordergrund rückt und Entscheidungsprozesse über die Stadtentwicklung demokratisch abwickelt.